{"id":34,"date":"2013-03-10T11:40:50","date_gmt":"2013-03-10T09:40:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pinks-place.de\/?p=34"},"modified":"2025-06-04T18:28:01","modified_gmt":"2025-06-04T17:28:01","slug":"vor-dem-tod-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.pinks-place.de\/?p=34","title":{"rendered":"Vor dem Tod gestorben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ideen sind Mistst\u00fccke, die dich schneller wieder verlassen, als ein verpatztes One-Night-Stand. Ja diesen Satz sollte ich mir merken, denn er trifft immer ins Volle.<\/strong><\/p>\n<p><strong>W\u00e4re eine Idee mal geblieben, l\u00e4ge ich nun nicht hier um aus dem Fenster zu starren. Das einzige was ich noch alleine kann ist weinen. Meine Tr\u00e4nen sind frei im Gegensatz zu mir. Sie k\u00f6nnen \u00fcberall hin, wo ich doch schon in die Enge meines K\u00f6rpers gesperrt bin. Ab und zu kommt\u00a0 Betty ins Zimmer um mir Augentropfen zu geben, damit sie nicht austrocken, sagt sie dann immer und ich kann zur Best\u00e4tigung nur zwinkern. Sie l\u00e4chelt mich dann immer an, so dass mein Herz wieder ein St\u00fcck weiter rei\u00dft. Wer wei\u00df vielleicht ist dann endlich ein Ende in Sicht, wenn es endlich ganz zerrei\u00dft. Wenigstens war es dann ein guter Tod, gestorben durch ein zartes L\u00e4cheln auf den Lippen einer guten Frau.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es begann wie fast alles Schlechte begann, mit einer kleinen Entdeckung.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich duschte, wie jeden Tag und seifte mich gut ein, um den Geruch des Tages abzuwaschen. Als ich \u00fcber meine Achseln strich, konnte ich den Knubbel\u00a0 f\u00fchlen. Er war nicht gro\u00df und ich belie\u00df es dabei. Wer wei\u00df welche Dr\u00fcse sich da mal wichtigmachen wollte, ich beschloss es die n\u00e4chsten Tage im Auge zu\u00a0<\/strong><strong>behalten, wollt ich doch kein Hypochonder werden, die den \u00c4rzten die Zeit\u00a0 stahlen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie man sich vorstellen kann, wenn man t\u00e4glich etwas begutachtet, fallen einem die Ver\u00e4nderungen nicht so auf als wenn man\u00a0 Zeit vergehen l\u00e4sst und\u00a0 Abstand zu den Dingen bekommt. Also wachte ich eines Morgens auf um meine Routine des Begutachtens\u00a0 aufzunehmen und stellte mit Entsetzten fest, dass mein Knubbel irgendwie \u00fcber Nacht von einer Erbse auf die<\/strong><strong>Gr\u00f6\u00dfe eines Tennisballs angeschwollen war. Zudem waren weitere \u201eErbsen\u201c aufgetaucht, wie konnte dies nur passieren? Und vor allem, wann ist das geschehen? Nun war der Arztbesuch unvermeidbar. Also machte ich einen Termin und lie\u00df mich untersuchen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Als ich meine Diagnose bekam, brach f\u00fcr mich eine Welt zusammen. Nat\u00fcrlich war es Krebs und der auch bereits fortgeschritten. Wie h\u00e4tt es auch anders sein k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Man denkt man ist unbesiegbar bis man ungef\u00e4hr 30 ist, danach beginnt die Fassade zu br\u00f6ckeln und man f\u00e4ngt\u00a0 an sich fragen zu stellen. Ich nannte sie die \u201eWas-w\u00e4re-wenn-Phase\u201c. Man gr\u00fcbelt\u00a0 und wird sich so langsam seiner Sterblichkeit bewusst .Dies gilt nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr diese Sorte von Menschen die sich nur \u00fcber die Farbe ihres Lippenstiftes oder der neuen Bartrasur mit mehreren Linien definieren. W\u00e4re ich so gewesen, w\u00e4re ich wahrscheinlich gl\u00fccklicher. Aber ich bin dieses aus Schnick-Schnack- bestehendes Leben nicht. Ich bin ein Ball aus Gedanken, der wie ein Flummi durch das Zimmer springt und alles runter rei\u00dft.<\/strong><\/p>\n<p><strong>So stand ich nun mit meinem K\u00f6rper, der mich langsam t\u00f6ten wollte. Ein Gef\u00e4ngnis aus dem es kein entrinnen \u00a0gab. Ich hasste dieses angebliche biologische Wunder, ich hasste diesen Klumpen Wasser und Fleisch daf\u00fcr dass er mich<\/strong><strong>umbringen wollte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Krebs hatte sich bereits ausgebreitet und tobte sich in den Lymphknoten aus. Von dort \u00a0begann er seinen Feldzug und begann einen Krieg den ich nie gewinnen konnte. Die Chemotherapie, bescherte mir eine Glatze, eine Blitzdi\u00e4t und das Gef\u00fchl\u00a0 Napalm in meine Eingeweide gesch\u00fcttet zu haben. St\u00e4ndig bekam ich Spritzen, Infusionen und anderes. Als ich eines Nachts, wie so oft in der letzten Zeit, mein Nachtlager\u00a0 an meiner treuen Toilettensch\u00fcssel aufschlug, kam mir eine Idee. Sie war so fl\u00fcchtig wie ein sanfter, warmer Windhauch und versprach Erl\u00f6sung. Nicht mein K\u00f6rper w\u00fcrde entscheiden, wann ich leben und sterben soll und wie qualvoll, sondern ich, mein Geist, eben das was mich ausmachte. Als ich dar\u00fcber nachdachte, wusste ich dass ich nicht der erste und auch nicht der letzte sein werde, der diese Gedanken hegte oder sie auch in die Tat umsetzte. Sehr wahrscheinlich ergeht es \u00a0jedem so in meiner Lage. Meine Frage war nur wie sollte ich es anstellen? Was war geeignet, f\u00fcr meine Todesfalle? Es klang so abstrus, dass ich meine Todesfalle vernichten wollte um mich zu befreien. Aber es brachte auch ein gewisses Ma\u00df an Poesie mit sich. Dennoch blieb ich n\u00fcchtern und schrieb zum ersten Mal eine Liste. Ich nannte jede mir bekannte M\u00f6glichkeit zum Suizid und fing an nach Vor und Nachteilen zu suchen, nat\u00fcrlich blieb der pers\u00f6nliche Aspekt \u00fcber \u00c4sthetik und pers\u00f6nliche Vorlieben ber\u00fccksichtigt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Den ersten Punkt f\u00fcllte ein Klassiker aus, der Sprung von einer Br\u00fccke, Hochhaus oder einer Klippe. Die Br\u00fccke sprach mir nicht zu, denn sollte ein Gew\u00e4sser mich darunter erwarten, so gab es die M\u00f6glichkeit dies zu \u00fcberleben.\u00a0 Und sollte mich darunter Felsen erwarten, so wollte ich nicht in Einzelteile zerschmettert werden. Man h\u00e4tte mich mit einem Kehrblech aufsammeln k\u00f6nnen und h\u00e4tte mich nicht mehr erkennen k\u00f6nnen. Nein dieser Klassiker sollte eher als Notfallplan zur\u00fcckgestellt\u00a0 werden. Der Vorteil bestand allerdings, dass ich nur zu einer hingelangen musste. Und w\u00fcrde ich keine Br\u00fccke finden, w\u00fcrde es auch ein Parkhaus oder etwas in der Richtung tun.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Den n\u00e4chsten Punkt\u00a0 lie\u00df ich unter dem ersten stehen, quasi als\u00a0 1.2. Denn sich vor einen Zug zu werfen h\u00e4tte \u00e4hnliche Ergebnisse vorzuweisen, wie zu springen. Zudem wollte ich keine anderen Menschen hineinziehen. Man stelle sich nur mal vor, dass die unschuldigen Augen eines Kindes mit ansehen m\u00fcssten wie ich von einem Stahlkoloss erfasst und in St\u00fccke gerissen werde. Sowas will man keiner armen Seele antun. Nein, meine Verzweiflung w\u00fcrde mich nie \u00fcbermannen um so etwas\u00a0 zu tun.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dennoch schrieb ich es auf. Nur f\u00fcr den Fall.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was blieb also noch?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Schlaftabletten\u00a0 waren ein weiterer Aspekt f\u00fcr meine Liste. Wer tr\u00e4umte nicht davon, v\u00f6llig schmerzlos einzuschlafen und sich in die willkommene Schw\u00e4rze fallen zu lassen. Einfach alles hinter sich zu lassen, im v\u00f6lligem Frieden mit sich selbst. Dieser Punkt verdiente schon meine Aufmerksamkeit, jedoch muss ich gestehen, meine Kenntnisse\u00a0 \u00fcber\u00a0 die Wirksamkeit der frei k\u00e4uflichen Pillen, war mehr als schlecht. Und wenn ich nicht wie ein, mit Baldrian, zu gedr\u00f6hnter Idiot wirken wollte, m\u00fcsste ich mir weitere Informationen suchen. Also w\u00fcrde es auf eine Recherche hinauslaufen. Nun gut das Internet konnte mir die n\u00f6tige Informationsquelle\u00a0 sein. Ich hatte sogar schon von Foren geh\u00f6rt, in denen nur davon geredet wurde wie man sein Leben beendet. Vielleicht wurde ich dort f\u00fcndig.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aber ich wollte dennoch keine M\u00f6glichkeit weglassen und so folgte bald schon der n\u00e4chste Punkt auf meiner Liste.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das \u00d6ffnen der Pulsadern.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der erste Satz den ich darunter schrieb war eher schon wieder belustigend: Ich schrieb mit einem L\u00e4cheln: Was f\u00fcr eine Schweinerei!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Angesicht dessen was ich da tat und wor\u00fcber ich nachdachte, kam mir der Humor mal richtig erfrischend vor. Ich glaubte ihn schon seit meiner Diagnose verloren zu haben. Fast h\u00e4tte ich mein Blatt Papier zerkn\u00fcllt und in den Papierkorb geworfen, jedoch hielt mich etwas davon ab. Es war wie eine schwarze Stimmung, die sich nicht nur \u00fcber mich legte sondern auch meine Hand festhielt. Als w\u00e4re um mich herum wieder alles dunkel. Und das Dunkel konnte nur ich wahrnehmen, oder Menschen die zum Sterben verdammt sind. Es ist wie eine Blase die einen umgibt, und gleichzeitig hat dieses Dunkel einen Willen, und dem folgt man, da es st\u00e4rker ist als man selbst. Es lenkt dich, und zu Anfang wehrst du dich noch und man beschreitet den Willen des Dunkels nur z\u00f6gerlich und langsam. Als w\u00fcrde ein Zombie laufen lernen, doch mit der Zeit wird man selber immer kleiner und wehrloser. Und bevor man es selbst gemerkt hat, rennt man im Eiltempo. Bei welcher Geschwindigkeit ich mich befand, konnte ich nicht sagen. Aber ich lief ja nicht allein, ich musste gegen das Versagen meines K\u00f6rpers antreten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Also wand ich mich wieder den Punkten zu und schrieb beherzt weiter.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das \u00d6ffnen der Pulsadern, ich lie\u00df den Satz mit der Schweinerei stehen. Schlie\u00dflich war es ein Aspekt der dazugeh\u00f6rte. Darunter entschied ich mich in Gro\u00dfbuchstaben\u201c SCHMERZ\u201c hinzuschreiben. Wer konnte sagen ob ich in der Lage w\u00e4re\u00a0 den Schmerz soweit auszublenden? Die Szenerie war nat\u00fcrlich erhebend. Ich hatte schon immer ein Faible f\u00fcr diese Art gehabt. Aber bitte keine Badewanne, das w\u00e4re dann doch wieder klischeehaft gewesen. Zudem wollte ich nicht mein Leben neben der Klosch\u00fcssel aushauchen, die ich in der letzten Zeit zu meinen engeren Freunden z\u00e4hlen konnte. Auch weil ich wusste was wir beide durchgemacht hatten. Ich nannte sie mittlerweile Ludmilla, meine Vertraute. Ludmilla hatte mein Innerstes gesehen. Seltsam ist doch die Ironie des Ganzen!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Erh\u00e4ngen fiel mir danach noch ein. Ein Seil lie\u00df sich in jedem Baumarkt besorgen. Es war kosteng\u00fcnstig, aber ich ben\u00f6tigte etwas, woran ich es befestigen konnte. Meine Kleine K\u00fcchenlampe, war wohl nicht daf\u00fcr geeignet, meinen K\u00f6rper zu halten. Schlimmstenfalls w\u00fcrde sie aus der Decke rei\u00dfen und ich h\u00e4tte mir eine Beule zugezogen. Zudem gefiel mir die Idee nicht, dass wenn mein Genick nicht brach, ich langsam ersticken m\u00fcsste. Ersticken kam f\u00fcr mich nicht in Frage, es war eine gruselige Vorstellung! Diesen Weg konnte ich nicht gehen, ebenso wenig wie ertrinken. Es gab selbst f\u00fcr sowas Grenzen. Ich \u00fcberlegte noch eine lange Zeit und die Tage zogen ins Land. Ich sah die Liste mir jeden Tag an und versuchte weitere Vorschl\u00e4ge zu finden. Denn sie kam mir nicht fertig vor. Und diese fixe Idee, eine M\u00f6glichkeit zu finden, die f\u00fcr mich zu 100% akzeptabel war, sorgte daf\u00fcr dass ich unendlich mehr litt, als durch die Krankheit. Mein Kopf zermarterte sich sogar \u00a0selbst, wenn ich wieder ein Rendezvous mit Ludmilla hatte und ihrer H\u00f6lzernen Toilettenbrille. Jeden Abend steckte ich die Liste unter mein Kopfkissen um damit zu schlafen. Doch je mehr Zeit ins Land zog, desto mehr versagte mein K\u00f6rper seinen Dienst. Immer und immer wieder ging ich die einzelnen Punkte auf der Liste durch und f\u00fchle mich danach, als ob ich jede einzelne Art des Suizides nun durchgenommen h\u00e4tte. Ich redete kaum noch, auch nicht in den Therapie-Sitzungen und ich merkte wie sehr ich immer mehr starb. Eines Morgens war es dann soweit, ich erwachte und konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Ich war sosehr damit besch\u00e4ftigt, wie ich mir ein Ende bereiten k\u00f6nnte, dass ich verga\u00df es auch zu tun. Ich qu\u00e4lte mich durch jedes einzelne Szenario, sp\u00fcrte die Schmerzen und das Leid, vergoss Tr\u00e4nen und malte mir meine Beerdigung aus. Wie lange hatte ich in dieser \u00a0Gedankenwelt verbracht? Wie konnte ich in diesem Leid so verweilen ohne etwas zu tun? Nun war es zu sp\u00e4t. Der Krebs war soweit fortgeschritten, dass nun meine Glieder mir nicht mehr gehorchten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dies war mein Tod bevor ist wirklich starb und nun hab ich nur noch die sch\u00f6nen Augen von Betty die mich freudestrahlend \u00a0ansehen, obwohl ich k\u00fcnstlich beatmet werde und meine Tr\u00e4nen, die die wirklich frei sind.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ideen sind Mistst\u00fccke, die dich schneller wieder verlassen, als ein verpatztes One-Night-Stand. Ja diesen Satz sollte ich mir merken, denn er trifft immer ins Volle. 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